Spermien sind keine Menschen

Eier sind teurer als Spermien, diese biologische Tatsache benutzen manche gerne als Begründung für gesellschaftliche Zustände, oder gar als Argument dafür dass man nur 10% der Männer bräuchte. Letzteres kommt gerne von Feministinnen.

Das nervt mich schon lange. Ein Beitrag bei Alles Evolution zum Thema war der Anstoß zu diesem Artikel (zur Sicherheit: Christian schreibt das nicht).

Meiner Ansicht nach kann man beides nur gleichsetzen, weil man die Tatsache aus mehreren Richtungen mit dem Mikroskop betrachtet, und dann behauptet dass die Fenster- und Teleskopsicht genauso ausschaut.

Mikroskope. Teleskope. Fenster!

Zur Erklärung von Mikro-, Fenster- und Teleskopsicht, kleiner Ausflug in die Physik: Im 19. Jahrhundert dachte die Physik dass alle drei Sichten gleich erklärt werden könnten. Das ging aus von der Fenstersicht der Newtonschen Mechanik, einfach gesagt, alles funktioniert wie Billardkugeln.

Anfang des 20. Jahrhundert klappte es aber nicht mehr, die Abweichungen beim Blick durchs Mikroskop oder Teleskop mit Ausnahmen oder Störungen zu erklären. In der Folge entstanden drei unterschiedliche Erklärungen für die drei Sichten, die bis heute nicht wieder komplett vereint wurden.

Es gibt durchaus Einflüsse der Sichten aufeinander: Unsere Smart Phones wären zum Beispiel nicht möglich, wenn die Mikrosicht in Herstellung und Betrieb außer acht gelassen würde. Meistens kann die Mikrosicht für die Fenstersicht des Alltags aber vernachlässigt werden – unter anderem weil wir unsere Umwelt so gestaltet haben, dass sie dem normalen Ursache-Wirkungsdenken der Fenstersicht entspricht.

Eine weitere Folge war, dass Physiker lange Zeit Demut übten, anstatt großmäulige Behauptungen über die Allgemeingültigkeit ihrer Hypothesen in die Welt zu setzen.

Moral von der Geschicht‘: trau nicht Deiner Mikrosicht!

Die „Eier sind teurer als Sperma“ Schlußfolgerungen leiden aus drei Blickrichtungen am Mikroskopfehler: Bei der Zeit, bei den Beteiligten, und bei der Evolution an sich.

Zeit und Kosten

Die erste falsche Mikroskopsicht kommt von der Beschränkung auf die Befruchtung, oder auch die Schwangerschaft. Sicher hat eine Frau mehr Aufwand für eine Eizelle und für die Schwangerschaft. Allerdings kann sie den Aufwand der Schwangerschaft nicht alleine stemmen, dazu ist sie in den späten Monaten der Schwangerschaft nicht in der Lage. Zudem ist Fortpflanzung erst dann erfolgreich, wenn der Nachwuchs mindestens die Geschlechtsreife erreicht hat, im Endeffekt sogar erst wenn der Nachwuchs sich selber fortpflanzt. Während der ganzen Zeit, von der Befruchtung bis zur Fortpflanzung des Nachwuchses, braucht es Unterstützung durch den Mann (oder einen Ersatz). Was nutzt das billige Spermium, wenn die Frau, das Kind oder beide sterben?

Beteiligte

Die zweite falsche Mikroskopsicht betrifft die Beteiligten. Die Idee vom billigen Spermium funktioniert, solange nur wenige Männer (und Frauen) beteiligt sind, die Geschlechter aber im Gesamten 50 zu 50 verteilt sind. Die Idee hört spätestens dann auf zu funktionieren, wenn es insgesamt nur wenige Männer und viele Frauen gibt. Dann kann mann nämlich die Kosten über die Zeit nicht mehr wie ein Parasit von anderen Männern zahlen lassen: Ein Stamm von einem Mann und neun Frauen wird eher aussterben als einer von fünf Männern und fünf Frauen. Das sollte spätestens dann klar sein, wenn man sich vorstellt dass alle neun Frauen gleichzeitig schwanger sind – von äußeren Bedrohungen durch Menschen oder Naturgewalten ganz zu schweigen.

Auf schlau: Die Laborhypothese scheitert an der Realität, da dort die Randbedingung keine Konstante ist.

Evolution

Schließlich gibt es einen ganz simplen Mikroskopsichtfehler: Nach der Evolutionstheorie überleben die Stärkeren (engl: fittest), selbst kleine Unterschiede setzen sich auf Dauer durch. In der Mikroskopsicht heißt das, der Unterschied zwischen Sperma- und Eierkosten muß ein Vorteil sein, sonst wäre er nicht entstanden. Aber daraus etwas für die Teleskopsicht zu schließen ist (ohne Belege) falsch, da gibt es keine Spermien oder Eier. Was es gibt, ist eine ungefähr gleiche Zahl von Männern und Frauen, wie allgemein bei Säugetieren. Nach der Evolutionstheorie ist das die beste Überlebensstrategie, sonst wäre es nicht so. Warum sollte die Evolution unnötige neun von zehn Männchen verschwenden? Hier schließt sich der Kreis zu Christians Artikel:

Wenn man zwei Arten von Hersteller hätte, die nur zusammen ein Produkt herstellen können, aus zwei Komponenten, und der eine (A) kann die eigene Komponente in 9 Monaten herstellen, der andere (B) aber die andere Komponente an einem Tag, der Gewinn müsste aber immer 50% zu 50% geteilt werden…

Halt: das gibt es nicht. In diesem Fall würde der Gewinn nicht halbe-halbe aufgeteilt. Selbst wenn eine solche Ausgangssituation erzwungen würde, gäbe es innerhalb sehr kurzer Zeit nur noch ganz wenige Hersteller (aber kein Monopol) für B, und diese würden nicht 50% des effektiven Gewinns erhalten. Und schwupps, haben wir einen „Beweis“ dafür, dass 90% der Männer überflüssig sind…

Nein, umgekehrt wird ein Schuh draus: Weil das Verhältnis von Männern und Frauen rund halbe:halbe ist, müssen die Kosten im Gesamtbild auch ungefähr gleich verteilt sein.

Es wäre schön, wenn in Zukunft Milliardenmordphantasien nicht mehr mit „Biologie!“ entschuldigt würden.

Was wäre wenn?

Aber drehen wir das Ganze mal um und schauen durch das Teleskop – wäre es denn möglich eine Gesellschaft mit einem Verhältnis von einem Mann zu neun Frauen überlebensfähig zu machen?

Mal angenommen, Frauen könnten alles genauso gut wie Männer (nebenbei: das ist umstritten). Dann könnte man die ganzen Stellen für Männer auch mit Frauen ersetzen, sie würden sie genauso gut ausfüllen. Die Realität sieht aber anders aus: Frauen haben keinen Bock auf viele Männerberufe, und sie leisten, auf das gesamte Arbeitsleben gesehen, viel weniger (siehe Ärzte, Tierärzte, usw.).

Ich kann mir zwei Szenarien vorstellen um das zu umgehen:

Roboter und künstliche Intelligenz

Eine Gesellschaft mit einem Geschlechterverhältnis von einem Mann auf neun Frauen kann nur funktionieren, wenn die Technik so weit fortentwickelt ist dass sie sich selbst erhält, und die Menschen mit. In der SF findet man in der „Kultur“ von Ian Banks (Bedenke Phlebas) eine Utopie, in der das möglich wäre. Allerdings ist das aus Sicht der Evolution ziemlich unwahrscheinlich: Eher stelle ich mir das SF-Szenario vor, dass die Maschinen übernehmen, und sich vielleicht noch einige Menschen im Zoo halten. Mit anderen Worten: Die Evolution hätte den Menschen abgelöst.

Gentechnik

Wenn Frauen im Allgemeinen keine Lust auf Technik haben, vielleicht gibt es ja ein Technikgen, das unabhängig vom Y-Chromosom des Mannes ist? Ausgebuffte Genforscher könnten darüber Frauen dazu bringen, unsere technische Umwelt weiter am Laufen zu halten, ohne uns der Gefahr durch Killerroboter auszusetzen. Aber auch hier stellt sich die Frage, warum es bei dieser beschränkten Änderung blieben sollte. Warum nicht gleich die Geschlechter komplett auflösen, indem man zum Beispiel ein Wesen mit beiden Geschlechtsorganen erschafft, das sich zur Not selbst befruchten kann? Das hat dann aber mit Menschen nur noch wenig zu tun – mit anderen Worten: Die Evolution hätte den Menschen abgelöst.

 

Was wäre ein Maskublogeintrag ohne Gegenkultur? Diesmal Tekkkno Dr. Z-Vago – The Sperm, der Titel sagt alles:

 

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41 Kommentare zu „Spermien sind keine Menschen“

  1. Gute Überlegungen.

    Kriegst du auch noch unter, dass die Menschheit doppelt so viele weibliche wie männliche Ahnen hat?

    1. Kein Problem:
      Eine halbe:halbe Verteilung heißt ja nicht dass sich alle (Männer) fortpflanzen. Es heißt nur dass sich das für die Erhaltung der Art als am sinnvollsten erwiesen hat.

      Nachtrag: Außerdem hat sich das wohl, über alle Männer gesehen, immer noch als die erfolgreichste Strategie für den einzelnen Mann erwiesen.

  2. „Halt: das gibt es nicht. In diesem Fall würde der Gewinn nicht halbe-halbe aufgeteilt. “

    das ist ja nur die Frage in welchem Regime sie leben. Aber das wäre eben auch eine Überreizung des Beispiels.

    Deine Überlegungen haben wenn ich das richtig sehe einen entscheidenden Fehler: Sie gehen von einer Selektion von Gruppen aus, tatsächlich findet aber eine Selektion auf der ebene der Einzelwesen statt, die Interessen der Gruppen haben nur Relevanz, wenn sie direkten Selektionsdruck auf das Einzelwesen ergeben (siehe „das egoistische Gen“).

    „Die Idee hört spätestens dann auf zu funktionieren, wenn es insgesamt nur wenige Männer und viele Frauen gibt.“

    Ganz im Gegenteil: Dann sieht man die Kostenverteilung wie du selbst anführst besonders deutlich.
    Der Mann kann zB alle 9 Frauen schwängern und dann mit einer von ihr abhauen. Wenn dann das eine Kind gut überlebt, von den restlichen 8 aber nur eins, dann hat er immer noch zweimal seine Gene weitergegeben.
    Im umgekehrten Fall kann die Frau auch von 9 Männern nur einmal schwanger werden, es lohnt sich für evtl sie, mit dem besten davon zu schlafen und nicht mit den anderen um dessen unterstützung und Gene zu erhalten oder mit einer gewissen Anzahl oder auch allen von ihnen in der Hoffnung, dass sie dann zumindest alle etwas beitragen, auch wenn sie sich nicht so verbunden fühlen, wie in einer exklusiven Gesellschaft. Dennoch wird nur einer der Männer der Vater des Kindes sein. Und selbst der kann sich dazu entschließen, nach einer neuen nicht schwangeren Frau zu suchen und darauf hoffen, dass die anderen 9 die Unterstützung der Frau und ihres Kindes als Brautwerbungskosten sehen um dann vater des nächsten Kindes zu sein oder darauf, dass die Frau das Kind irgendwie alleine durchbringt. Das ist für die Mutter weitaus schwieriger, sie muss jedenfalls die Kosten der Schwangerschaft und des Stillens tragen und kann beides jedenfalls nicht an den Mann abgeben (das stillen allenfalls an eine andere Frau, aber auch das ist schwierig).

    Vielleicht muss man den Satz einfach ergänzen, damit er leichter zu verstehen wird:
    1. Spermien sind billig, Eier sind teuer
    2. männliche dauerhafte, sichere und umfangreiche Unterstützung bei der Aufzucht ist unsicher und damit wertvoll

    Beide Sätze stehen keineswegs in einem Widerspruch

    1. „Halt: das gibt es nicht. In diesem Fall würde der Gewinn nicht halbe-halbe aufgeteilt. “
      das ist ja nur die Frage in welchem Regime sie leben. Aber das wäre eben auch eine Überreizung des Beispiels.

      Ein Regime wäre eine zusätzliche Randbedingung, also eine Laborsituation. Ich rede vom „freien“ Spiel des Markts. Mit einem passenden Regime könnte man (fast) jede Art von Fortpflanzung herstellen.

      Deine Überlegungen haben wenn ich das richtig sehe einen entscheidenden Fehler: Sie gehen von einer Selektion von Gruppen aus, tatsächlich findet aber eine Selektion auf der ebene der Einzelwesen statt, die Interessen der Gruppen haben nur Relevanz, wenn sie direkten Selektionsdruck auf das Einzelwesen ergeben (siehe „das egoistische Gen“).
      Ich nenne verschiedene falsche Mikroskopsichten, die Beschränkung auf den Einzelnen ist eine. Die Art Mensch hat sich durch die Evolution zu Gruppenwesen entwickelt, und die Evolution hat die hohen Kosten der Schwangerschaft einer Frau als Vorteil ausgewählt, obwohl sie dabei teilweise hilflos ist. Vom Nachwuchs ganz zu schweigen.
      Wenn der Egoismus sich nur auf den Einzelnen beziehen würde, wären wir immer noch bei der Fortpflanzung wie bei manchen Fischen: Weibchen stößt die Eier aus, Männchen den Samen, die Brut kommt dann schon irgendwie allein zurecht. Ich gebe Dir also recht mit dem Selektionsdruck auf das Einzelwesen, sehe aber das Ergebnis (Gruppen), und halte daher das Festhalten an der Sicht auf den Einzelnen für absurd. Bäm 🙂

      „Die Idee hört spätestens dann auf zu funktionieren, wenn es insgesamt nur wenige Männer und viele Frauen gibt.“
      Ganz im Gegenteil: Dann sieht man die Kostenverteilung wie du selbst anführst besonders deutlich.
      Der Mann kann zB alle 9 Frauen schwängern und dann mit einer von ihr abhauen. Wenn dann das eine Kind gut überlebt, von den restlichen 8 aber nur eins, dann hat er immer noch zweimal seine Gene weitergegeben.

      Ich streite ja gar nicht ab dass diese Strategie funktionieren kann. Ich halte aber die Wahrscheinlichkeit für Enkel deutlich niedriger, von Urenkeln ganz zu schweigen.
      Du bewegst Dich da und im weiteren wieder auf der Mikroskopebene des Einzelnen, während ich mir die Teleskopebene der Arterhaltung anschaue. Ich sehe eine (eher: viele) Art(en) mit einem halbe:halbe Geschlechterverhältnis. Wenn die Strategie von einem Mann und vielen Frauen erfolgreicher wäre hätte sie sich durchgesetzt. Kann es sein dass Dir die Sicht auf das einzelne egoistische Gen die Sicht auf die Ergebnisse der „Handlungen“ der Gengesamtheit versperrt?

      Deine beiden Abschlußsätze sind richtig, kein Widerspruch, weder in sich noch von mir. Ich würde noch ergänzen: …und damit wertvoll, und notwendig für erfolgreiche Fortpflanzung?

      1. Schau ich mir noch genauer an. Beim ersten Überfliegen scheint sich mir kein Widerspruch aufzutun zu meiner Zielaussage: Das Geschlechterverhältnis von halbe:halbe beweist, dass der Unterschied in den Kosten von Spermien:Eiern keine Rolle spielt.

        („Bäm“ war natürlich provokant 😉

      2. Hmm, ich denke meine Punkte kommen wohl nicht so an, oder Du hast mich falsch verstanden.
        Du schreibst da:
        Das Bild des egoistischen Gens setzt dabei nicht voraus, dass die darauf beruhenden Wesen egoistisch sind. Vielmehr können diese von ihren Genen hoch kooperativ gebaut werden, wenn auf diesem Weg die eigenen Gene eher weitergegeben werden und sich daher im Genpool anreichern. Es verbleibt nach dieser Betrachtung dabei, dass sich entsprechende Strukturen nur über Selektion nur entwickeln können, wenn sie zu einer Anreicherung der Gene des Einzelwesens führen.
        Mir geht es nicht um Gruppen- oder Einzelselektion, sondern um die vorhandene Struktur des halbe:halbe Geschlechterverhältnisses. Die wurde „selektiert“, war also erfolgreich.

      3. Zwei Ergänzungen zu meinem dritten Teleskopfehler, der eingeschränkten Sicht auf die Evolution:

        Erstens werden in Krisenzeiten/nach einem Krieg mehr Jungs als Mädchen geboren ( http://www.bluemind.tv/life-and-style/gesundheit/der-returning-soldier-effekt-warum-in-kriegszeiten-mehr-jungen-als-maedchen-geboren-werden-166412/
        Orginal:https://www.psychologytoday.com/blog/the-scientific-fundamentalist/200802/the-returning-soldier-effect-i-why-are-more-boys-born).

        Also hat die Evolution (in Deiner Lesart: das egoistische Gen) wohl ein Interesse daran, ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herzustellen.
        Evolutionspsychologen kriegen es aber auch hin das wegzuerklären: http://www.zeit.de/2009/05/Stimmts
        Weil eher Männer überleben die viele Brüder haben…?
        (interessant: schon in Friedenszeiten werden 5% mehr Männer als Frauen geboren – übrigens interessant dass Frauen hier die Norm sind. Hier steht warum: Weil mehr Jungs die Schwangerschaft überleben: http://www.spektrum.de/news/mehr-soehne-ueberleben-die-schwangerschaft/1340136 )

        Zweitens sind die Schwangerschaftskosten für einen Jungen wohl höher: http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/geschlecht-und-ernaehrung-muesli-macht-maenner-1.210120
        (und im Artikel Widerspruch zur Tatsache dass schon in Kriegszeiten mehr Jungs geboren werden – die Forscher sollten sich mal besser absprechen: „Ralph Catalano hat die Geschlechtsverteilung von Neugeborenen in Stress- und Krisenzeiten untersucht. In einer Analyse der Geburten in Ost- und Westdeutschland von 1946 bis 1999…“ – wait, what? Warum hat er denn erst nach dem zweiten Weltkrieg angefangen?)

        Meine Folgerung daraus: obwohl ein Junge eine Frau mehr kostet, werden ungefähr gleich, bzw. mehr Jungs als Mädchen geboren. Wenn gleich viele Jungs/Männer keinen Gewinn für die Evolution/das EgoEvoGen bedeuten würden, würden nicht so viele geboren werden.

      4. „Tss, Tss. Die Ausgangssituation war: Es gibt nur eine Gruppe von zehn Menschen, vergleiche dann die Chancen für die Fortpflanzung bei einer Geschlechterverteilung von 5:5, und 1:9. Wie da – zum Argument dass 1:9 funktionieren könnte – ausgeführt: Es krankt daran dass die Randbedingung nicht konstant ist.“

        Also du willst sagen, dass dein Beispiel nicht sehr relatistisch ist?

        Aber dazu noch einmal: Das egoistische Gen ist wesentlich. Und bei 1:9 gibt der eine Mann 9 mal seine Gene weiter, wenn er alles richtig macht. Und das mit für ihn geringen Mindestkosten.
        Bei 1 Frau und 9 Männer gibt die Frau nur einmal ihre Kosten weiter. Und hat die gleichen Mindestkosten. Das ist unabhängig davon, ob sie die bei den Männern wieder geltend machen kann oder ob diese die Vaterschaftswahrscheinlickeit für zu gering halten und nicht investieren.

      5. „Tss, Tss“, will sagen: Ich dachte ich hätte Dich ein wenig aus Deinem Mikroskopframe herausgeführt („männliche dauerhafte, sichere und umfangreiche Unterstützung bei der Aufzucht ist unsicher und damit wertvoll“).

        Also du willst sagen, dass dein Beispiel nicht sehr realistisch [non-sic] ist?
        Ja, es ist nicht realistisch, da es dazu dient zu verdeutlichen, dass die Idee von 1:9 nicht realistisch ist. Dazu stellt es eine neue Laborsituation her, die den verfälschenden Effekt der unverändert 50:50 Umwelt ausschließt.

        Und bei 1:9 gibt der eine Mann 9 mal seine Gene weiter, wenn er alles richtig macht.
        Öhm, nein. Ohne unsere moderne Technik liegt die Kindersterblichkeit bei mindestens 25%. „Mindestens“ heißt 1870, wo wir schon mitten in der industriellen Revolution waren. Das heißt ein Mann gibt bei neun Frauen und einer Runde Schwangerschaft seine Gene zu bestenfalls knapp 7 mal weiter, wenn er alles richtig macht.
        Meine These ist, bei 1:9 kann er nicht alles richtig machen, die Ausbeute liegt deutlich unter 7. Außerdem ist eine statistische Wahrscheinlichkeit von nur höchstens 75% Erfolg mit einer Frau ein verdammt guter Grund nicht das Risiko einzugehen sich mit nur einer abzusetzen.

        Den umgekehrten Fall von 1 Frau und 9 Männern versucht niemand (nicht einmal ironisch) zu vertreten.

      6. Ich verstehe immer noch nicht, was du da nun genau draus ziehst.
        Ob mal 7 oder mal 9, beides ist deutlich höher als 1.

        Und diese Differenz liegt eben daran, dass Eier höhere Mindestkosten haben und insoweit den Flaschenhals der Fortpflanzung darstellen.

        Darum ging es doch

      7. Ich verstehe immer noch nicht, was du da nun genau draus ziehst.
        Guter Punkt, ich fürchte ich war zu sehr damit beschäftigt Dir nachzuweisen dass 9 unrealistisch ist…

        Also, auf den Punkt gebracht: Ich denke ein Geschlechterverhältnis von 1:9 bietet schlechtere Chancen auf langfristige Fortpflanzung (siehe Mikroskopfehler 1) als eins von 5:5. Und deshalb sorgt die Evolution dafür dass das Verhältnis ausgeglichen ist (Mikroskopfehler 3).

        Oder, als steile These formuliert: Deine Gene wissen aus Erfahrung, dass alleine mit neun Frauen ihre Chance auf erfolgreiche Weitergabe gering, oder mit sehr hohem Risiko behaftet ist. Deshalb sorgen sie dafür dass es nicht zu dieser Situation kommt.
        Ist das beweisbar? Mit Menschen offensichtlich nicht. Aber man könnte Experimente mit Mäusen machen um zu sehen wie hoch die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe, und wie hoch die Wahrscheinlichkeit des Überlebens der Gruppe ist.

      8. „Insgesamt betrachtet, könnte es fast so wirken als würdest Du eine Position Pro 1:9 einnehmen“

        Was du vielleicht nicht ganz verstehst: Beide Situationen bieten aus der Sicht des egoistischen Gens Vor- und Nachteile.
        Eine 1(M):9(F) Situation bietet eben weil Sperma billig ist die Chance ohne Konkurrenz seine Gene mit 9 Frauen weiterzugeben. Natürlich wäre es für den Genpool interessanter, wenn es mehr Männer gibt, aber das gibt die Situation ja nicht her. Es ist eben das Risiko vorhanden, dass die über den Mann angereicherten Gene Erbkrankheiten mitschleppen. Also das normale Inzuchtproblem gerade ab der zweiten Generation.
        Das ist aber für die Frage, ob Sperma billig ist und eier teuer sind ohne relevanz, da das Szenario ja recht willkürlich ist.

        In der anderen Situation (5:5) hat der einzelne Mann konkurrenz. Es kann sein, dass seine Gene vollständig aus dem Genpool verschwinden, wenn die anderen Männer sich durchsetzen. Also ist das erst einmal für ihn schlechter, es sei denn er schneidet auch dort am besten ab.
        Ob es der Menschheit an sich besser geht ist für das egoistische Gen erst einmal egal. Siehe Dodo.

        „Wie wäre es, wenn Du einen Artikel schreibst, in dem Du z.B. aus evolutionspychologischer Sicht darlegst, warum ein 1:9 Geschlechterverhältnis eine Bad Idea(TM) wäre? Du kannst darin ja meine aus Deiner Sicht zu kurzen Gedanken korrigieren?“

        Natürlich ist ein 1:9 Geschlechterverhältnis eine schlechte Idee. Aber auf Ideen kommt es gar nicht an. Die Frage ist, welches Geschlechterverhältnis evolutionär Stabil ist. Evolution wertet ja nicht, sie erfolgt.
        Hier findest du was dazu:
        https://de.wikipedia.org/wiki/Evolution%C3%A4r_stabile_Strategie

        Siehe auch Dawkins:
        http://s-f-walker.org.uk/pubsebooks/pdfs/Richard_Dawkins_The_Selfish_Gene.pdf

        S. 144

        In mammals, sex is determined genetically as follows. All eggs
        are capable of developing into either a male or a female. It is the
        sperms that carry the sex-determining chromosomes. Half the
        sperms produced by a man are female-producing, or X-sperms,
        and half are male-producing, or Y-sperms. The two sorts of
        sperms look alike. They differ with respect to one chromosome
        only. A gene for making a father have nothing but daughters could
        achieve its object by making him manufacture nothing but Xsperms.
        A gene for making a mother have nothing but daughters
        could work by making her secrete a selective spermicide, or by
        making her abort male embryos. What we seek is something
        equivalent to an evolutionarily stable strategy (ESS), although here,
        even more than in the chapter on aggression, strategy is just a
        figure of speech. An individual cannot literally choose the sex of his
        children. But genes for tending to have children of one sex or the
        other are possible. If we suppose that such genes, favouring
        unequal sex ratios, exist, are any of them likely to become more
        numerous in the gene pool than their rival alleles, which favour an
        equal sex ratio?
        Suppose that in the elephant seals mentioned above, a mutant
        gene arose that tended to make parents have mostly daughters. Since
        there is no shortage of males in the population, the daughters would
        have no trouble finding mates, and the daughter-manufacturing
        gene could spread. The sex ratio in the population might then start to
        shift towards a surplus of females. From the point of view of the good
        of the species, this would be all right, because just a few males are
        quite capable of providing all the sperms needed for even a huge
        surplus of females, as we have seen. Superficially, therefore, we
        might expect the daughter-producing gene to go on spreading until
        the sex ratio was so unbalanced that the few remaining males,
        working flat out, could just manage. But now, think what an
        enormous genetic advantage is enjoyed by those few parents who
        have sons. Anyone who invests in a son has a very good chance of
        being the grandparent of hundreds of seals. Those who are producing
        nothing but daughters are assured of a safe few grandchildren,
        but this is nothing compared to the glorious genetic possibilities that
        open up before anyone specializing in sons. Therefore genes for
        Battle of the sexes 145
        producing sons will tend to become more numerous, and the
        pendulum will swing back.
        For simplicity I have talked in terms of a pendulum swing. In
        practice the pendulum would never have been allowed to swing that
        far in the direction of female domination, because the pressure to
        have sons would have started to push it back as soon as the sex ratio
        became unequal. The strategy of producing equal numbers of sons
        and daughters is an evolutionarily stable strategy, in the sense that
        any gene for departing from it makes a net los

      9. Spontan fällt mir dazu ein: Es ist ok Jehova zu sagen, aber man muss es richtig aussprechen!
        Anders ausgedrückt scheint mir Dawkins meinen dritten, und vielleicht entscheidenden, Teleskopfehler zu bestätigen. Das freut mich, danke 🙂

        Vielleicht kommt mir morgen dazu etwas mehr Inhalt in den Sinn.

      10. „Also, auf den Punkt gebracht: Ich denke ein Geschlechterverhältnis von 1:9 bietet schlechtere Chancen auf langfristige Fortpflanzung (siehe Mikroskopfehler 1) als eins von 5:5. Und deshalb sorgt die Evolution dafür dass das Verhältnis ausgeglichen ist (Mikroskopfehler 3).“

        Dann stell mal den Mechanismus dar, mit dem die Evolution solche logischen Planungen durchführen kann.
        Das ist nämlich die große Crux aller Gruppenselektionen.
        Evolution arbeitet über Mutationen bestimmter Gene in EINER Person, die dann weitergegeben werden und sich anreichern. Nur wenn die jeweilige Person ihre Gene häufiger weitergibt als andere Gene weitergegeben werden, kann eine Anreicherung erfolgen.

        „Oder, als steile These formuliert: Deine Gene wissen aus Erfahrung“

        Wenn du etwas über diesen Satz nachdenkst, dann wirst du dich fragen müssen, wie Gene diese „Erfahrung“ gewinnen sollen und wie sie weitergegeben wird und dann auch noch warum auf sie selektiert werden soll ohne das du eine übergeordnete Instanz brauchst. Deswegen ist das abstellen auf das „egoistische Gen“ ja so entscheidend.

        “ dass alleine mit neun Frauen ihre Chance auf erfolgreiche Weitergabe gering, oder mit sehr hohem Risiko behaftet ist. Deshalb sorgen sie dafür dass es nicht zu dieser Situation kommt.“

        Wie sollen Gene dafür sorgen? E

        „Ist das beweisbar? Mit Menschen offensichtlich nicht. Aber man könnte Experimente mit Mäusen machen um zu sehen wie hoch die Wahrscheinlichkeit der Weitergabe, und wie hoch die Wahrscheinlichkeit des Überlebens der Gruppe ist.“

        Das ist immer etwas das Problem, wenn jemand in ein Feld kommt, in dem es eine weitreichende Literatur gibt und dann auch noch Probleme aufgreift, die dort seit Jahrzehnten diskutiert werden, ohne das er von der Diskussion weiß.
        Man macht zwangsläufig eine Menge Fehler, weil einem der Stand der Diskussion fehlt.
        Ich meine das nicht abwertend, es ist mir auch selbst häufig schon so gegangen.
        In „Das egoistische Gen“, ein Buch aus dem Jahr 1976, stellt Dawkins den Meinungsstreit auf dem damaligen Stand dar und da ist schon das wesentliche dazu gesagt worden: Es gibt mathematische Modelle dazu, mit denen man diese Frage behandeln kann.
        Lies mal zB hier:
        https://en.wikipedia.org/wiki/Sex_ratio

        https://en.wikipedia.org/wiki/Fisher%27s_principle
        http://www.n-tv.de/wissen/frageantwort/Warum-ist-das-Geschlechterverhaeltnis-50-50-article15562771.html

        Ich weiß, dass für viele die Theorie des „egoistischen Gens“ schwer zu verstehen ist und sich viele auch dagegen sträuben, weil sie damit einen egoistischen Menschen assozieren und Gruppenselektion viel intuitiver ist. Sie klappt aber eben leider nicht und wenn man Evolutionsbiologie verstehen will bleibt daher nichts anderes übrig als sich mit dem egoistischen Gen zu befassen.

        Wenn ich auf neue Theorien stoße, die mir nicht einleuchten, dann mache ich meist einen eigenen Artikel über diese, die dann zunächst einmal versuchen, die dortigen Theorien darzustellen und deren Argumente aufzugreifen, gerne anhand von Wikipediaartikeln. Das hat den Vorteil, dass man nicht nur seine eigene Sicht dieser Artikel darstellt und wesentliche Argumente ausblendet, sondern sich tatsächlich mit dem dort gesagten und auch den Gründen dafür beschäftigt. Für mich klappt das ganz gut, weil es mir eine etwas abstraktere Sicht auf die Theorien beschert und mir hilft deren Sichtweise nachzuvollziehen. Es eröffnet auch häufig eine produktivere Debatte. Vielleicht ist das ja auch etwas für dich.

      11. Zunächst mal Danke für den langen Kommentar, und pardon dass der nicht automatisch erschien – ich muß mir die Einstellungen nochmal anschauen.

        Man könnte Deinen Kommentar kurz und provokant zusammenfassen zu „Wenn man keine Ahnung hat, erstmal die Fresse halten“. Du schreibst das viel netter, mit eigener Erfahrung, Begründung und Links, ist also schon ok. Und schon gut, ich habe das egoistische Gen auf meine Liste der zu leśenden Bücher gesetzt.

        Es geht aber ein wenig an dem vorbei worum es mir in meinem Beitrag geht. Im Rahmen (Frame) der Evolutionsbiologie ist das 1:1 Geschlechterverhältnis mit Fischers Prinzip etc. recht gut erklärt. Dummerweise halten sich die VertreterInnen der 10% Männer reichen Provokation nicht an den Rahmen. Sie, die bestenfalls so viel Ahnung von Evolutionsbiologie haben wie ich, nehmen nur die Grundaussage der billigen Spermien und fangen damit an über mögliche Gesellschaftsregime zu phantasieren (anstatt die Fresse zu halten :-D).
        Da ihnen die Evolutionsbiologie herzlich egal ist, sie sie wohl eher als ekelhaft biologistisch ansehen, sehe ich es als recht schwierig an sie in den Rahmen zurückzuzwingen. Und außerhalb des Rahmens ist es schwer mit der Evolutionsbiologie zu argumentieren, da diese zunehmend unschärfer und beliebig wirkt, je weiter man sich hinzu gesellschaftlichen Fragen bewegt.

        Evolutionsbiologen (bzw. Journalisten die darüber schreiben) helfen da auch nicht unbedingt, wenn sie wilde Spekulationen aufstellen, wie im http://www.zeit.de/2009/05/Stimmts Beispiel, dass Männer überleben die viele Brüder haben, oder Fischers Vermutung, dass deshalb mehr Jungs geboren werden, weil Eltern sich weniger um sie kümmern (im Wikipedia Link von Dir). Das kommt mir vor wie ein hin und herspringen zwischen verschiedenen Ebenen in verschiedenen Dimensionen, verbunden mit der DefMa, wann Evobiologen das machen dürfen und andere nicht.
        Insgesamt würde ich mir von Evolutionsbiologen mehr Demut wünschen, was die Reichweite (zuverlässigen Rahmen) ihrer Wissenschaft angeht. Die Wirkung von Genen ist selbst heute nicht ganz verstanden, 1930/67 erst recht nicht. Auch da sehe ich häufig Mikroskopfehler, zum Beispiel wenn nur auf die Weitergabe eines Gens abgestellt wird. Es kommt auch darauf an ob es aktiviert wird, und auf welche Weise es im Zusammenspiel mit anderen welche Wirkung entfaltet. Und die Aktivierung in einem Kind wird durch Umwelteinflüsse bei den Eltern beinflußt, und diese Umwelt wird von Menschen gestaltet, also… ist es kompliziert.

        Ich hielt mich im Beitrag also im wesentlichen außerhalb des evolutionsbiologischen Rahmens auf (zumindest in meinem Kopf). Wenn ich mich doch mit wenig Ahnung hineinbegebe, kommen dann steile Thesen heraus. Ich finde Du kannst Dich da über meine Vermenschlichung von Genen nicht beklagen („Erfahrung“), da Evolutionsbiologen damit angefangen haben („egoistisch“). 😀
        Und wie ich sehe nutzt Du das in guter und sinnvoller Weise um den Rahmen evolutionsbiologisch gerade zu rücken.

      12. Jetzt weiß ich warum Deine Kommentare nicht automatisch freigeschaltet wurden: Zu viele Links! Die Standardeinstellung ist bei mehr als zwei.

      13. „Man könnte Deinen Kommentar kurz und provokant zusammenfassen zu „Wenn man keine Ahnung hat, erstmal die Fresse halten“. Du schreibst das viel netter, mit eigener Erfahrung, Begründung und Links, ist also schon ok“

        Eigentlich sollte es eher heißen:
        Wenn man in eine uralte wissenschaftliche Debatte einsteigt, die ein hochkomplexes Thema behandelt, dann sollte man sich bewußt sein, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass man das Rat neu erfindet. Das um so mehr, wenn man sich mit verschiedenen Positionen der Debatte nur oberflächlich beschäftigt hat. Es kann sich dann lohnen, sich erst einmal die Debatte anzuschauen und die wesentlichen Positionen und die Argumente dafür nachzuvollziehen, damit man nicht Gefahr läuft am Thema vorbei zu schreiben.

        Um so älter die Debatte und um so eher diese unter Wissenschaftlern geführt worden ist, um so höher die Wahrscheinlichkeit, dass die wesentlichen Argumente dort schon gebracht worden sind.

        „Und schon gut, ich habe das egoistische Gen auf meine Liste der zu leśenden Bücher gesetzt.“

        Mir persönlich hat es sehr viel gebracht als Grundverständnis zur Evolutionsbiologie. Darum geht es dort, weniger um praktisches zu Mann und Frau.
        Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem empfehle ich diese Bücher hier:
        https://allesevolution.wordpress.com/2012/05/23/bucherempfehlungen-zur-biologie-der-geschlechter/

        „Es geht aber ein wenig an dem vorbei worum es mir in meinem Beitrag geht. Im Rahmen (Frame) der Evolutionsbiologie ist das 1:1 Geschlechterverhältnis mit Fischers Prinzip etc. recht gut erklärt.“

        Nur ist eben die Begründung vollkommen anders. Er stellt auch auf das egoistische Gen und nicht auf die Gruppe ab.

        “ Dummerweise halten sich die VertreterInnen der 10% Männer reichen Provokation nicht an den Rahmen. Sie, die bestenfalls so viel Ahnung von Evolutionsbiologie haben wie ich, nehmen nur die Grundaussage der billigen Spermien und fangen damit an über mögliche Gesellschaftsregime zu phantasieren (anstatt die Fresse zu halten :-D).“

        Der Kritikpunkt daran ist aus meiner Sicht ein vollkommen anderer: Selbst wenn 10% reichen würden wäre es ein natüralistischer Fehlschluß, wenn man meinen würde, dass deswegen das beibehalten dieser 10% moralisch okay wäre.
        Ein weiteres Argument dagegen wäre der Genpool auf der einen Seite und der Umstand, dass erstens dieser Zustand intrasexuelle Konkurrenz unter Frauen enorm anfeuern würde, zweitens das man auch das durch die Unterschiede zwischen Mann und Frau bestehende Potential der Männer nicht mehr für die Gesellschaft nutzen könnte und drittens, dass das System nicht sehr lange überleben würde, weil Männer auch in der Unterzahl das nicht lange mitmachen würden (frauen vermutlich auch nicht).

        „Da ihnen die Evolutionsbiologie herzlich egal ist, sie sie wohl eher als ekelhaft biologistisch ansehen, sehe ich es als recht schwierig an sie in den Rahmen zurückzuzwingen“

        Fanatikerin wird man nie überzeugen können. Es reicht aber, wenn man die normalen überzeugt und diese dann erkennen, dass die Fanatikerin unrecht haben

        „Und außerhalb des Rahmens ist es schwer mit der Evolutionsbiologie zu argumentieren, da diese zunehmend unschärfer und beliebig wirkt, je weiter man sich hinzu gesellschaftlichen Fragen bewegt.“

        Hast du dafür mal ein Beispiel? Ich kenne keine Theorie, die das Geschlechterverhältnis so klar macht, wie die Evolutionsbiologie

        „Evolutionsbiologen (bzw. Journalisten die darüber schreiben) helfen da auch nicht unbedingt, wenn sie wilde Spekulationen aufstellen, wie im http://www.zeit.de/2009/05/Stimmts Beispiel, dass Männer überleben die viele Brüder haben, oder Fischers Vermutung, dass deshalb mehr Jungs geboren werden, weil Eltern sich weniger um sie kümmern (im Wikipedia Link von Dir). Das kommt mir vor wie ein hin und herspringen zwischen verschiedenen Ebenen in verschiedenen Dimensionen, verbunden mit der DefMa, wann Evobiologen das machen dürfen und andere nicht.“

        Ich glaube da verstehst du etwas falsch. Das mehr Jungen geboren werden ist ja erst einmal ein Fakt. man kann es auf der Welt überall beobachten. Und dafür muss es eben eine Erklärung geben, und es ist vollkommen okay, dazu thesen aufzustellen, die man dann überprüfen muss. Das ist ja keine Rechtfertigung für irgendwelche Verhaltensweisen. Es ist der Versuch einer Thesenbilidung

        „Insgesamt würde ich mir von Evolutionsbiologen mehr Demut wünschen, was die Reichweite (zuverlässigen Rahmen) ihrer Wissenschaft angeht“

        Warum? Ernstgemeinte Frage. Wegen der biologischen Kränkung? Immerhin sind wir nun einmal höchst biologische Wesen
        Und: Forderst du diese Demut auch von anderen Wissenschaftsdisziplinen? Immerhin hat die Sozialwissenschaft auch zu allem eine Erklärung, üblicherweise die, dass eine der Seiten Macht ausübt und die andere Unterdrückt. Aus dieser sehr simplen These, die man immer wieder findet, ist unsägliches Leid entstanden, unter anderem im Kommunismus.
        Unsere Biologie nachzuempfinden scheint mir da ein weitaus unproblematischerer Ansatz

        “ Die Wirkung von Genen ist selbst heute nicht ganz verstanden“

        Das wir etwas noch nicht verstehen ist aber kein Argument dafür, dass die Wirkung der Gene nicht besteht. Und man muss die genaue Wirkung der Gene auch nicht verstehen, um genetischen Einfluss nachzuweisen. Dazu verwendet man üblicherweise Zwillingsstudien und andere Experimente.

        “ 1930/67 erst recht nicht. Auch da sehe ich häufig Mikroskopfehler, zum Beispiel wenn nur auf die Weitergabe eines Gens abgestellt wird. Es kommt auch darauf an ob es aktiviert wird, und auf welche Weise es im Zusammenspiel mit anderen welche Wirkung entfaltet“

        Okay, nehmen wir mal an, dass jemand ein Gen hat, dass ihn etwas schlauer macht, das sich aber nur bei guter Ernährung auswirkt. Dann ist das Gen dennoch nutzlos, wenn es nicht in die nächste Generation kommt. Da sind wir uns einig oder? denn sonst kann es ja nicht aktiviert werden.

        Aber auch da liegt weniger ein Mikroskopfehler als ein Verständnisfehler deinerseits vor: In der Evolutionsbiologie geht es nicht um den einzelnen Menschen. Es geht um den Menschen als Produkt einer Enwicklung, die über evolutionär relevante Zeiträume erfolgte, also zB 50.000 Generationen, ehe mehr. Der Mensch heute hat gene, die die letzen 300.000 Jahre überstanden (das wäre der Homo, wenn man ältere Vorfahren dazu nimmt wären wir bei 4,5 Millionen jahren) haben. In dieser Betrachtung ist „konnte aktiviert werden“ nicht der wesentliche Punkt, sondern eher die Frage, welche Mechanismen zur Aktivierung evolutionär vorliegen und warum. Und natürlich kommt es auch auf das Zusammenspiel an, aber das geschieht ja auch nicht im nichts, sondern Gene, die nicht mit anderen Zusammenspielen werden aussortiert.

        “ Und die Aktivierung in einem Kind wird durch Umwelteinflüsse bei den Eltern beinflußt, und diese Umwelt wird von Menschen gestaltet, also… ist es kompliziert.“

        Und was sollte das für eine evolutionäre Betrachtung ändern? Wir können auch ohne die einzelnen Gene, die damit hineinspielen die These aufstellen, dass auf Männer intrasexuelle Konkurrenz gewirkt hat, weil das klassischerweise der Fall ist, wenn ein Geschlecht größer und stärker als das andere ist. Und wir können auch die These aufstellen, dass intersexuelle Selektion auf Status als Attraktivitätsmerkmal bei Menschen stattgefunden hat, weil wir Status als Attraktivitätsmerkmal in vielen Studien festgestellt haben, ebenso wie eine stärkere betonung von Hierarchien unter Männern, etwas was üblicherweise im Tierreich mit genau dieser Theorie erklärt wird und auf das alle Befunde passen.

        „Ich hielt mich im Beitrag also im wesentlichen außerhalb des evolutionsbiologischen Rahmens auf (zumindest in meinem Kopf). Wenn ich mich doch mit wenig Ahnung hineinbegebe, kommen dann steile Thesen heraus. Ich finde Du kannst Dich da über meine Vermenschlichung von Genen nicht beklagen („Erfahrung“), da Evolutionsbiologen damit angefangen haben („egoistisch“).

        Der Unterschied ist allein die Perspektive. Die stellst auf eine Gruppenperspektive ab, Dawkins auf eine „genperspektive“. In der letzteren klappt die Metapher.
        😀
        „Und wie ich sehe nutzt Du das in guter und sinnvoller Weise um den Rahmen evolutionsbiologisch gerade zu rücken.“

        was meinst du damit?

      14. Da wird eine vollständige Antwort länger brauchen. Erstmal kurz:
        Forderst du diese Demut auch von anderen Wissenschaftsdisziplinen? Immerhin hat die Sozialwissenschaft auch zu allem eine Erklärung, üblicherweise die, dass eine der Seiten Macht ausübt und die andere Unterdrückt.
        Natürlich meine ich damit alle Wissenschaften. Es sind leider häufig die Großmäuler die bekannt werden, während gewissenhaft und vorsichtig Formulierende ignoriert werden, oder sich nicht trauen den Großmäulern offen zu widersprechen. Was die Sozialwissenschaften angeht: Die beschäftigt sich ja von Haus aus mit der Gesellschaft, soweit ich weiß versuchen sie nicht ihre Theorien auf den Lauf der Sterne zu übertragen. Dass sie alles mit Machtgefälle erklären wäre mir neu – ich vermute mal Leszek würde Dir dafür die Leviten lesen?

        was meinst du damit?
        Na, Du nutzt die Tatsache, dass ich mich zu Dir in den rein EvoBiologischen Frame begeben habe und darin falsche(?) Thesen aufstelle, um die EvoBiologisch richtigen Informationen zu verbreiten.

    2. Was sagst denn Du als Kenner der Evolutionspsychologie zu dem Widerspruch zwischen den billigen Spermien und dem halbe:halbe Verhältnis der Geschlechter?
      Soweit ich das verstanden habe versucht die EvoPsych den heutigen Zustand aus der Evolution zu erklären?

      (Du solltest jetzt, nach der ersten Freischaltung, Deinen Kommentar direkt einstellen können)

      1. Du denkst immer noch zu wenig vom egoistischen gen her.
        Wichtig ist nur die Gene in die nächste Generation zu bringen, ob als Mann oder als Frau ist erst einmal egal.
        Und das Eier teuer sind ist ja nicht per See ein Nachteil. Sie sind eben dadurch wertvoll. Weswegen sich geschichtlich mehr Frauen fortgepflanzt haben. Dafür kann der Mann der Lottogewinn sein und in besten Fall hunderte nachkommen haben.
        Zudem hat ja jede Mutation, die dazu führt, dass zB Mädchen häufiger werden den Nachteil, dass damit Männer bessere Chancen haben, also Gene für sie vorteilhaft werden

      2. Du denkst immer noch zu wenig vom egoistischen gen her.
        Das muss man Dir lassen, Du kannst Deinen Frame gut halten 🙂 Aber wie Du selbst sagst: Es ist nicht so einfach, so dasss ich ergänze: auch beim Weitergeben der Gene. Ich denke es gibt genug Beispiele dafür dass die Gene auf kompliziertere Weise handeln, angefangen bei Parasiten die ihre Wirte eben nicht durch Massenhafte Vermehrung umbringen. In Deinem Beitrag geht es ja gerade darum dass der Egoismus verschiedene Formen annehmen kann. Christen sagen übrigens gerne: „Die Wege des Herrn sind unergründlich“ 😀

        Zudem hat ja jede Mutation, die dazu führt, dass zB Mädchen häufiger werden den Nachteil, dass damit Männer bessere Chancen haben, also Gene für sie vorteilhaft werden
        Hmm, das wäre also ein/der evolutionspychologischer Grund für das halbe:halbe Verhältnis? Ich spiele mal des Teufels Advokat: Du meinst das wäre ein Nachteil für Mädchen, inwiefern? Sie pflanzen sich ja weiterhin mit absoluter Sicherheit fort?

    3. Und noch eine Ergänzung zu
      Der Mann kann zB alle 9 Frauen schwängern und dann mit einer von ihr abhauen. Wenn dann das eine Kind gut überlebt, von den restlichen 8 aber nur eins, dann hat er immer noch zweimal seine Gene weitergegeben.
      Bei nochmaligem Nachdenken fiel mir der Fehler auf: Denkst Du wirklich dass eine Geburt mit zwei Beteiligten eine gleich große Chance auf Erfolg hat wie eine in einer Gruppe von zehn?
      Ich würde mir das in der Situation sehr, sehr genau überlegen, ob ich es riskieren will, alleine mit der Mutter mein Kind zur Welt zu bringen (und die Gruppe zu „verraten“). Im Endeffekt komme ich auch da wieder zu einer Art Teleskopfehler im Gedankenexperiment dieser Strategie.

      1. Er kann ja beispielsweise zu einer anderen Gruppe gehen. Mit einer neuen Frau. Oder man stelle sich zwei Gruppen vor, die sich treffen, eine Woche Geschichten austauschen und Handel treiben und unser strukturiert ml Steinzeit Casanova schwangert dort in der Zeit zwei. Bis sie das in drei Monaten merken ist er weit weg.
        Und wenn er eine dritte Frau mitgenommen hätte hat er einen zusätzlichen Vorteil

      2. Tss, Tss. Die Ausgangssituation war: Es gibt nur eine Gruppe von zehn Menschen, vergleiche dann die Chancen für die Fortpflanzung bei einer Geschlechterverteilung von 5:5, und 1:9. Wie da – zum Argument dass 1:9 funktionieren könnte – ausgeführt: Es krankt daran dass die Randbedingung nicht konstant ist.

      3. Insgesamt betrachtet, könnte es fast so wirken als würdest Du eine Position Pro 1:9 einnehmen. Ich gehe mal davon aus dass das nicht der Fall ist.
        Wie wäre es, wenn Du einen Artikel schreibst, in dem Du z.B. aus evolutionspychologischer Sicht darlegst, warum ein 1:9 Geschlechterverhältnis eine Bad Idea(TM) wäre? Du kannst darin ja meine aus Deiner Sicht zu kurzen Gedanken korrigieren?

  3. Kleine Empfehlung noch:
    Füge in der Sidebar zumindest noch „letzte Kommentare“ dazu, damit man gleich auf einem Blick sieht, ob noch jemand nach einem kommentiert hat oder was sonst an Diskussionen stattfindet.
    Ich würde auch noch letzte Artikel etc verlinken. Macht den Blog übersichtlicher

  4. Nachtrag, Karen Straughan vertritt eine ähnliche Meinung zur langen nötigen Unterstützung von Kindern bei der Art Mensch, ungefähr übersetzt:

    „Bei uns Menschen ist es anders. Jeder bekommt eine Chance sich lebenslang in einem Paar monogam zu binden. […] Der Grund dafür ist, dass unsere Kinder so lange hilflos sind, nicht nur bei der Geburt. Sondern auch bei der langen Zeit bis man ihnen vertrauen kann nicht von einer Klippe zu stürzen. […] Unsere Gehirne brauchen eine riesige Investition von Kalorien, so dass es wirklich eine Unterstützung von zwei Elternteilen braucht.[…] Daher wurde die Ehe so eingerichtet, dass Männer Verantwortung für die eigenen Kinder übernehmen müssen, aber nicht für die Kinder anderer Männer.“

    Nur für den Fall dass jemand der Meinung einer (kompetenten) Frau mehr Gewicht beimisst als meiner…

  5. Es gibt zwar den Spruch: Sperm is cheap but eggs are expensive, aber das ist meiner Meinung nach auch eine Form von „Frauen auf ein Podest stellen“.
    Denn: Von guten Männern ist das Sperma ebenfalls „teuer“. Ein Mann der seinen Wert kennt, besteigt auch nicht jedes Weib. Sollte er jedenfalls nicht.

    1. Zumindest erlaubt es der Spruch Frauen, sich als etwas ganz besonderes zu fühlen – mal wieder (Gähn). Man könnte auch sagen „Girls are cheap, boys are expensive“, da Jungs im Mutterleib wohl mehr Energie benötigen. Beides kann man biologisch begründen, zweiteres hört man aber kaum.
      Ok, zweiteres ist recht neu, und der Unterschied ist nicht so groß, sicher nicht um mehrere Größenordnungen, wie bei Spermien zu Eiern.

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