Tango als Geschlechterstudie

Eine gar nicht so traurige Geschlechterrolle die man tanzen kann

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Zum Thema Tango und Geschlechterrollen habe ich mich vor einer Weile mit einem Freund unterhalten, der schon viel länger als ich in der Tango-Szene unterwegs ist. Das gab den Anstoß für diesen Artikel.

Zunächst kurz zum Tango an sich: Der Tanz entstand in der Unterschicht der Einwanderer in Argentinien im frühen zwanzigsten Jahrhundert (heute würden sie „Wirtschaftsflüchtlinge“ genannt, diese kamen damals aber ganz legal aus Europa). Getanzt wurde er damals viel in Bordellen, und die Männer haben häufig zunächst miteinander getanzt, bevor sie sich an Frauen heranwagen durften.

Klare Rollen -> Glückseligkeit

Das spannende am Tango ist die klare Rollenverteilung zwischen Mann und Frau: Der Mann führt, die Frau folgt. Die Rollenverteilung ist wohl deshalb klarer als bei anderen Tänzen, weil die Musik oft nicht gerade und vorhersehbar ist, und der Tanz viel Raum für Improvisation bietet. Bietet ist hier nett untertrieben geschrieben: Man kann im Grunde nach jedem Schritt alles machen, und soll sich spontan entscheiden was am besten zur Musik, zur Partnerin, zu den manchmal gefährlich trantütigen Paaren um einen herum und zum eigenen Anspruch passt. Die klare Verteilung verlangt von beiden heute eher Ungewöhnliches: Die Frau muss sich fallenlassen, vertrauen, die Führung spüren und umsetzen. Der Mann muss klare Signale geben, angepasst an die Partnerin – jede Unsicherheit in der Führung hat sofortige Auswirkungen. Da der Mann die Führungsverantwortung hat, ist er natürlich auch an jedem Fehler der Frau schuld – zumindest wird das häufig scherzhaft behauptet. Ebenfalls ungewöhnlich: Das Ganze passiert rein körperlich, und klassischerweise eng aneinandergeschmiegt.

Der Lohn der Mühe: Glückseligkeit. Werden Führen und Folgen gekonnt ausgelebt, ergibt sich daraus beim Tanz eine Einheit, die sowohl gut aussieht, als auch bei beiden massiv Glückshormone ausschüttet. Jetzt nicht missverstehen: Auch nach Jahren der Übung kommt diese Art Erleuchtung (jap: Satori) nur ab und zu vor. Wenn man es aber einmal erlebt hat…

Heutzutage wird beim Tango natürlich politisch korrekt nie von „Mann“ und „Frau“ gesprochen, sondern von „Führenden“ und „Folgenden“. Genauso natürlich wird das politisch Korrekte nicht durchgezogen: Es gibt immer wieder „Frauenkurse“ für folgende Frauen, aber nie „Männerkurse“, höchstens Kurse für „Führende“. Ebenfalls natürlich ändert das Neusprech nichts an der Wirklichkeit, dass die allermeisten Männer allermeistens führen, und die allermeisten Frauen meistens folgen.

Frauenüberschuss hat auch Nachteile

Den Unterschied bemerkt? Die allermeisten Frauen folgen nur meistens. Das kommt daher, dass es heute bei Tangotanzabenden (span: Milongas) fast immer einen Frauenüberschuss gibt (im Gegensatz zum Argentinien vor 100 Jahren). Zum einen gibt es daher so manche Frau, die auch mal führt. Vor allem führt es zu einer Umkehrung der üblichen Geschlechterrollen: Es ist der Mann der gefragt ist, während Frau zusehen muss, dass sie jemanden abbekommt.

Das hat Folgen. Man kann bei Milongas eine Vorstellung davon bekommen, wie es um eine Gesellschaft bestellt wäre, in der Männer deutlich in der Unterzahl sind. Im Gegensatz zu den Phantasien mancher männerhassenden Lesbe führt das beim Tango zu einer Steigerung des Werts von Männern. Das fühlt sich zwar ziemlich gut an (sogar doppeltplusgut), hat aber auch Nebenwirkungen. Mein Freund meinte, dass er bei Milongas die Augen eher auf dem Boden hält, besonders wenn er mal in Ruhe aufs Klo will. Sonst fühlen sich nämlich alle möglichen Frauen zum Tanz aufgefordert – vielleicht verstehen sie dabei den Blickkontakt absichtlich falsch und nutzen seine Nettigkeit aus, da er wohl ungern Körbe verteilt.

Auch ist es dadurch manchmal schwierig, konkret eine Frau über Blicke aufzufordern: Es kann passieren dass deren Nachbarin einem schon auffordernd zunickt, bevor das eigentliche Ziel die Aufforderung bemerkt hat. Mann kann so vielleicht die ungemein bemitleidenswerte Lage vieler schönen Frauen nachvollziehen, die ständig von Verehrern umgeben sind, aber nie den einen wahren Prinzen anlocken, an den sie ihr Herz verschenken möchten…

Ganz so weit geht es mit dem Rollentausch meistens nicht, denn viele Frauen wollen trotz der Zahlenverhältnisse immer noch aufgefordert werden, anstatt selbst aktiv zu sein. Hinterher beklagen sie sich empört in Tangoforen, wenn sie den ganzen Abend rumsaßen. Umgekehrt mag es so mancher Mann nicht aufgefordert zu werden, und es kann Mann passieren, dass man sich trotz Frauenüberschuss reihenweise Körbe holt – da soll einer noch die Welt verstehen!

Verqueerte Welt?

Die allermeisten Männer führen zuallermeist, mein Freund hat auch Spaß am Folgen. Das kommt zum einen daher, dass er überlegt selber Unterricht zu geben. Zum anderen fand er aber die folgende Rolle an sich spannend. Wir kamen darauf im Zusammenhang mit Sex und Rollentausch, das ist aber ein Thema für ein andermal, hier nur so viel: Wenn Mann mal die passive Rolle einnimmt, merkt man wie wenige Frauen selber aktiv sein können, und wie ungeschickt sie sich dabei anstellen. Zurück zum Tango: Wenn Mann beim Tango folgt, merkt man wie selten Frauen wirklich führen können (ja ja, es gibt welche). Mein Freund hält sich daher eher an Männer. Da die meisten Männer nicht mit Männern tanzen, hat er sich auf queeren Tangofestivals rumgetrieben. Einerseits hat er dabei erlebt, dass Schwule ihn am besten führen können, ohne sich durch die Tuchfühlung hinreißen zu lassen. Andererseits hat er mitbekommen, wie als Männer auftretende Lesben auf die eigene Propaganda „Mann gleich arrogantes Arschloch“ hereingefallen sind. Als Beispiel erzählte er mir, wie eine Lesbe einer sympatischen, gut aussehenden Frau auf die herablassendst mögliche Weise einen Korb gegeben hat. Diese Dike-Lesbe hatte sich offenbar nie klar gemacht, dass Mannsein auch Respekt und Einfühlungsvermögen für das andere Geschlecht beinhaltet. Im Endeffekt: ziemlich abstoßend!

Schließlich, zu führender und folgender Rolle, hatte mein Freund noch eine entlarvende Erfahrung zu erzählen: Eine der wenigen Male als er von einer – diesmal netten – Lesbe richtig gut geführt wurde fiel ihm auf: Bei ihr lief am Ende der Schweiß in Strömen, während er gerne noch weitertanzen konnte und wollte. Er kannte das bis dahin nur umgekehrt.  Mit anderen Worten, die führende Rolle ist anstrengend, die folgende Rolle ist ein Genuß. Das führt zu der – Eingeweihten lange bekannten – Erkenntnis, dass „Männer“ ihren Wert stets und immerzu durch Arbeit beweisen müssen, während es bei „Frauen“ reicht, wenn sie (schön) sind.

Weiterlesen

Zum Tanzen als Tipp für Männer hatte Graublau gebloggt, zum feministischen Tangotanzen hat aufkreisch geschrieben.

Aus dem Tangobereich gibt es bei Tango à la carte den Beitrag Tango und Gender, der zwar erstmal ins Genderhorn bläst, aber teilweise Ähnliches schreibt wie ich hier.

Ohne Kommentar da bisher ungelesen: Es gibt zum Thema sogar eine Diplomarbeit und ein (de-)konstruktivistisch anmutendes Kapitel Im Buch Sexy Bodies.

 

Was wäre ein Maskublogeintrag ohne (Gegen-)kultur? Diesmal Astor Piazollas Libertango, für „My liberty becomes offended if I am content with being afraid […] My liberty is clogged with hypocrites and fools.“ Auf Youtube ist alles ohne Text… Falls jemand ein Video mit Text kennt, her damit.

6 Kommentare zu „Tango als Geschlechterstudie“

    1. Was meinst Du mit „das“? Ich schneide ja einige Themen an.
      Wenn Du die Auswirkungen des Zahlenverhältnisses meinst, so habe ich das auch schon von Frauen gehört: Bei dem Thema hat sich schon die eine oder andere beklagt, dass Männer sie nicht mal an-, sondern nur auf den Boden schauen.
      Wenn Du die klare Rollenverteilung meinst, das sehen Frauen fast immer genauso. Es gibt mal so leichte Andeutungen, dass sie es schätzen wenn der Führende ihnen bei bestimmten Figuren Zeit lässt für Verzierungen, und das wird in den Kursen auch geübt. Dies sind aber Ausnahmen im Tanz, und der Führende gibt dabei den Rahmen vor.
      Mein Freund meinte, wenn man mit weit Fortgeschrittenen tanzt die man kennt, dann kann man die Rollen auflösen, und z.B. im Tanz die Rolle wechseln. Wenn man richtig gut ist fällt das wohl von außen nicht mal auf 🙂 Aber das erfordert wohl noch mehr Konzentration.
      Wenn Du fragst ob auch Frauen die geführte Rolle als einfacher ansehen: Selten. Ich hatte das letztens mal auf einer Milonga angesprochen, und eine Frau hat das klar abgestritten. Aber das war eine die noch nicht so lange tanzt, und nicht oder selten führt. Ich habe andersherum schon ein paar mal Frauen Mitleid mit Männern äußern hören, weil es eben eine ganze Zeit (> 1 Jahr) dauert, bis Mann die vielen Aufgaben beim Tangotanz halbwegs bewältigt.

      P.S.: Ja, die Themen kommen immer wieder mal auf – siehe z.B. auch meinen Link zu Tango a la carte. Der Gegensatz zwischen der klaren Rollenverteilung im Tango und in unserer Gesellschaft ist zu offensichtlich.

      1. „Was meinst Du mit „das“?“
        Eigentlich die klare Rollenverteilung, deren Vorteile/Notwendigkeit und den Kontrast zur politischen Korrektheit.
        Aber die Antworten auf die anderen Interpretationen der Frage fand ich sogar noch interessanter 😉
        Danke jedenfalls!

      2. Die klare Rollenverteilung im Tango wird ja politisch korrekt vom Geschlecht gelöst, indem fast immer von „Führenden“ und „Folgenden“ gesprochen wird.
        Dann können wohl alle damit leben, dass es in der Realität eine fast 1 zu 1 Zuordnung der Rolle zum Geschlecht gibt.

        Das finde ich auch gar nicht so schlecht (weil mann dann einfacher mal die geführte Rolle ausprobieren kann), mich stört aber dass es nicht durchgezogen wird.

  1. He, he, das gilt übrigens nicht nur für Tango. Auch bei sämtlichen anderen (Paar-)tänzen klappt es normalerweise nur, wenn der Mann führt. Als junger Mann war ich ein recht guter Tänzer, der regelmäßig gratis Tanzkurse bekam, um dem chronischen Männermangel abzuhelfen. Und da war man schon recht begehrt bei den Damen.

    1. Richtig, es ist bei den Standardtanzkursen ähnlich, daher ist mann als Aushilfe in Kursen gerne gesehen, insbesondere wenn man gut tanzen kann.

      Ich denke allerdings, dass die Führungsrolle beim Tango anspruchsvoller ist, was wiederum den Geschlechterunterschied verstärkt, der dann wieder mehr unter den Teppich gekehrt wird 🙂

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